Trainees berichten

Sie stecken gerade noch mitten in der zweieinhalbjährigen Einführungsphase bei der Polizei NRW – was haben Sie bisher gelernt und wie gefällt es Ihnen?

Ruth: Ich habe das Privileg, während meiner Einführungsphase verschiedenste Dienststellen der Polizei NRW kennenzulernen – von der Kriminalpolizei über die Verkehrspolizei bis zur Direktion Gefahrenabwehr/Einsatz. Diese Hospitationen ermöglichen mir täglich neue Einblicke in die Vielfalt polizeilicher Arbeit.

Was mich am meisten beeindruckt: Ich sehe, wie Kolleginnen und Kollegen im Team nicht nur miteinander, sondern bewusst für die Bürgerin und den Bürger arbeiten. Es herrscht eine tolle und positive Haltung vor. Jeder Arbeitstag in dieser Phase bietet mir Gelegenheiten zum Lernen und Erleben, die weit über das hinausgehen, was ich mir zu Beginn vorgestellt habe. 

Marc: Im Moment lerne ich in der Basishospitation die Kernbereiche der Polizeiarbeit kennen. Also das, was man sich klassisch unter „Polizei“ vorstellt. Zum Beispiel:  Streife fahren, Fahrzeuge kontrollieren, nach Tätern fahnden, Fußballeinsätze, Ermittlungen begleiten, Durchsuchungen, Sichten von Beweismitteln. Dafür habe ich eine kurze, aber intensive Ausbildung erhalten, um beispielsweise die Dienstwaffe führen oder den Streifenwagen fahren zu dürfen. Die Einblicke sind fachlich unglaublich wichtig, um als zukünftige Führungskraft, die bisher nicht im Polizeivollzugsdienst tätig war, die Arbeit zu verstehen. Die prägendsten Erfahrungen dabei sind vor allem der Teamgeist und das menschliche Miteinander. „Team 110“ oder „Polizeifamilie“ sind nicht nur Slogans, sondern Realität. Dies ist der positivste Kontrast zu der vielfach einsamen juristischen Ausbildung, den ich bislang kennengelernt habe. Auch wenn ich im Nacht- oder Frühdienst nicht immer ausgeschlafen war, so rettet das Miteinander im Team die Laune mehr als jeder Kaffee oder Energydrink. 

Julia: Was ich bis hierher gelernt habe, lässt sich gar nicht in ein paar Zeilen ausdrücken. Die Einführungsphase begann für uns am 1. April 2025 mit einem dreimonatigen umfangreichen Trainingsabschnitt  an den  LAFP-Standorten in Münster, Selm und Neuss. In intensiven und schweißtreibenden Einheiten erlernten wir mit einem Team aus vier ausgezeichneten Lehrenden die Grundlagen für die praktischen Bereiche der Polizeiarbeit. 

Dazu gehörten neben  Schießtraining auch Übungen für Eingriffstechniken, EMS-A, Führungsgruppenarbeit, Durchsuchung von Gelände und Gebäuden sowie Amoktraining, erste Hilfe, Fahrsicherheitstraining, Verkehrsunfallaufnahmen, Tatortarbeit und Vernehmungsstrategien. 

Die zahlreichen Trainingseinheiten und Rollenspiele in den verschiedenen Einsatzbereichen zeigten uns (manchmal schmerzlich) auf, welche Bandbreite an Fähigkeiten zur Bewältigung der Lage im Einzelnen erforderlich sind. 

So wissen wir heute, dass die fünfstündige theoretische Rechtmäßigkeitsprüfung in unserer juristischen Ausbildung und die praktische Entscheidung und Durchführung einer polizeilichen Maßnahme in mitunter fünf Sekunden meilenweit auseinander liegen.

Seitdem durchlaufe ich in meiner Ausbildungsbehörde (PP Dortmund) die Direktionen Gefahrenabwehr/Einsatz, Verkehr und Kriminalität. Hier reiht sich ein Highlight an das nächste. Ich war bspw. einer festen Dienstgruppe zugeteilt und habe zwei Monate lang im Wach- und Wechseldienst „auf der Straße“ bzw. auf dem Streifenwagen mitgearbeitet. In einer großen Stadt wie Dortmund ist das Einsatzgeschehen ziemlich rasant und so viel Neues in so kurzer Zeit habe ich selten erlebt. Danach war ich auch für eine Zeit lang bei der Bereitschaftspolizeihundertschaft in Dortmund und konnte unter anderem deren Training (im und am Stadion) sowie eine Razzia mitmachen. Auch habe ich bereits alle Direktionsführungsstellen durchlaufen und habe nun eine erste Vorstellung davon, wie strategisch die Polizei arbeitet.

 Momentan bin ich Teil einer Dienstgruppe auf der Kriminalwache. Hier lerne ich das Einsatzgeschehen der Direktion Kriminalität kennen (z.B. Vermisstenfälle, Branddelikte, ungeklärte Todesursachen etc.), bevor es für mich in Richtung verschiedener Fachkommissariate (z.B. Todesermittlungen) geht. Nach Abschluss der sechsmonatigen Praxisphase durch die Tätigkeiten des gehobenen Dienstes geht es für mich in die sog. Führungshospitation – in meinem Fall: im Ständigen Stab im PP Dortmund. Danach folgt die Zeit im Innenministerium und an der DHPol. 

Ich bin weiterhin begeistert und vor allen Dingen dankbar für all das, was ich in der kurzen Zeit bereits gesehen, gelernt und auch selbst leisten durfte. Natürlich gibt es auch Bereiche, die mich inhaltlich weniger interessieren. Trotzdem ist der Einblick in all diese Bereiche so wertvoll, um eine möglichst umfassende Vorstellung von der Polizeiarbeit zu erhalten. Der Vorteil und das absolute Privileg der Einführungsphase ist, dass wir nicht direkt mit Führungsverantwortung „ins kalte Wasser“ geworfen werden, sondern zweieinhalb Jahre (bei voller Bezahlung) Zeit haben, um die verschiedenen Bereiche, die Strukturen und die Arbeitsweise der Organisation Polizei kennenzulernen.  

Wann war für Sie klar, dass Sie als Volljuristin bzw. als Volljurist den Weg zur Polizei NRW einschlagen wollen und was hat Sie genau dazu bewogen? 

Ruth: Die Polizei war schon immer mein berufliches Ziel. Idealerweise wäre ich direkt nach dem Abitur zur Polizei gegangen – doch manchmal führen auch Umwege zum Ziel. Ich erkannte zum Glück schon vor dem Studium, das ich als Volljuristin bei der Polizei NRW einsteigen konnte und entschloss mich auf Grund dessen zum Jurastudium. Nach zehn Jahren und zwei Staatsexamen hat es dann geklappt: Ich bin jetzt genau dort, wo ich hingehöre – im Team 110 bei der Landespolizei NRW.

Marc: Ich habe relativ früh im dritten Semester von der Möglichkeit des Direkteinstiegs erfahren und dies stets im Hinterkopf behalten. Im Referendariat habe ich dann die Wahlstation beim Polizeipräsidium Düsseldorf absolviert. Nach einer Nacht auf der Wache stand die Entscheidung endgültig fest und ich habe es eher bereut nicht direkt nach dem Abitur den Weg zur Polizei NRW genommen zu haben. Es gibt in meinen Augen wenig Berufe, die so wichtig und richtig für die Gesellschaft sind und gleichzeitig auch noch Freude machen. Bei der Polizei arbeitet man für die Sache und im Team. Dies ist in dieser Form in anderen juristischen Berufen meiner Wahrnehmung nach nicht immer gegeben. 

Julia: Das wird eine lange Antwort! 

Mein Kriminologie-Professor hat im 2. Semester meines Rechtswissenschaften-Studiums von der Möglichkeit des Direkteinstiegs in den Höheren Polizeivollzugsdienst berichtet. Ich hatte nie einen Berufswunsch im juristischen Bereich; vielmehr haben mich die Fachbereiche Kriminalwissenschaften und Strafrecht begeistert. 

In Deutschland gibt es aber nur zwei Möglichkeiten, beruflich (abgesehen von der theoretischen Forschung an der Uni) in diesem Bereich zu arbeiten: In einem klassisch juristischen Beruf als Strafverteidigung/Staatsanwaltschaft oder über die Polizei. 

Ab diesem Zeitpunkt (das war im Jahr 2013) habe ich versucht, meinen Lebenslauf in genau diese Richtung „zu puzzlen“. Ich habe beispielsweise als wissenschaftliche Hilfskraft an der DHPol an einem Lehrstuhl gearbeitet, um Einblicke in die Qualifizierung für den Höheren Polizeivollzugsdienst zu erhalten bzw. in die Themen, die die Polizei beschäftigen. 

Zwischen meinem ersten Staatsexamen und Beginn des Referendariats habe ich noch einen LL.M. (Master of Laws) in den Niederlanden gemacht: Forensics, Criminology and Law.Zu dem Zeitpunkt der einzige Studiengang, der sich in der Tiefe mit der Schnittstelle von Psychologie, Strafrecht und Kriminalwissenschaften beschäftigt, für Juristen zugänglich ist und auch kritisch auf die Polizeiarbeit blickt. Das hat mich noch einmal bestärkt, auch praktisch in diesem Bereich arbeiten zu wollen. 

Meine darauffolgenden Praktika in internationalen Organisationen in Kolumbien und Argentinien haben mir dann bewusst gemacht, wie wichtig und essentiell rechtsstaatliche Polizeiarbeit ist. An diesem Punkt beginnt das Strafverfahren in Form des Ermittlungsverfahrens. Durch Polizeiarbeit lässt so viel beeinflussen: Zum Beispiel lassen sich Fehler, die vor Gericht möglicherweise nicht mehr zu beheben sind, durch gute Ermittlungsarbeit vermeiden. Andersherum können sie – wenn sie unentdeckt bleiben – große Schäden anrichten. 

Während des Referendariats habe ich dann die Stationen bei der Staatsanwaltschaft, bei einer Strafverteidigerin, bei Gericht und in einer Justizvollzugsanstalt durchlaufen. Für den Gesamtüberblick und das „bigger picture“ des Ganzen unerlässlich, allerdings ist hier ja meist das Kind bereits „in den Brunnen gefallen“. 

Für mich war also klar: Ich möchte ganz am Anfang (des Strafverfahrens) mitwirken und quasi „in Echtzeit“ arbeiten. Mich reizt das durch das aktuelle Zeitgeschehen geprägte polizeiliche „Leben in der Lage“, welches meine zukünftige Tätigkeit maßgeblich beeinflussen wird. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass der gesetzliche Auftrag der Polizei nicht nur die Strafverfolgung ist, sondern die Gefahrenabwehr einen herausragenden Anteil der polizeilichen Maßnahmen ausmacht. 

Gepaart mit der Uniform und dem Teamgedanken, der mir nach 25 Jahren Handball auch im Beruf sehr wichtig ist, konnte und kann ich mir im Gesamtpaket für mich nichts Erstrebenswerteres vorstellen als die Organisation Polizei! 

Neben der juristischen Qualifikation zählen bei der Polizei NRW auch Eigenschaften wie Kommunikationsfähigkeit, Teamgeist, Durchsetzungsvermögen, Empathie und Verantwortungsbewusstsein. Wie haben Sie das auf Ihrem Weg zur Polizei NRW wahrgenommen? 

Ruth: Diese Eigenschaften definieren den Polizeiberuf für mich zu 100 Prozent. Deshalb halte ich das dreiteilige Auswahlverfahren mit dem darin integrierten Assessment-Center für absolut sinnvoll – das Land NRW investiert damit bewusst in die Auswahl von Menschen, nicht nur in formale Qualifikationen.

Das Entscheidende für mich: Bei der Polizei zählt neben der juristischen Qualifikation vor allem der Mensch dahinter. Diese Balance zwischen fachlicher Kompetenz und menschlichen Qualifikationen ist großartig und macht den Beruf für mich besonders attraktiv.

Marc: Der Beruf ist unglaublich facettenreich, unabhängig davon, ob im gehobenen oder höheren Dienst. Mit Bürgerinnen und Bürgern, Kolleginnen und Kollegen sowie öffentlichen Stellen ist Kommunikation immer das wichtigste Einsatzmittel. Gleichzeitig hat man in jeder Situation Verantwortung für die Kollegin oder den Kollegen, die oder der neben einem sitzt, für Bürgerinnen oder Bürger, denen man helfen will oder für die Strategie, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Man merkt bereits im insgesamt dreitägigen Auswahlverfahren, dass nicht die juristischen Noten und das Fachwissen, sondern vor allem die menschlichen und kommunikativen Fähigkeiten im Vordergrund stehen.

Julia: Mein Eindruck ist, dass es vorwiegend auf diese Fähigkeiten ankommt und viel weniger auf juristische Fachexpertise. Genau das ist es aber, was für mich den Reiz an der Arbeit bei der Polizei ausmacht: Es geht nicht um Notenpunkte, sondern um den individuellen Menschen, der sich mit all seinen Facetten einbringen kann. 

Für gewinnbringend halte ich dabei vor allem die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen, die die polizeiliche Laufbahn „von Anfang an“ durchlaufen haben: Sie bringen die Erfahrung für den Polizeibereich in der Tiefe mit, während unsere juristische Vorbildung uns erlaubt, vielmehr quasi die ganze Bandbreite des Justizsektors zu überblicken. 

Die oben genannten Softskills sind für die fachliche Zusammenarbeit unerlässlich: Sie bringen und halten uns schlichtweg zusammen. 

Wer an den Polizeiberuf denkt, assoziiert damit oft Tätigkeiten, die man selbst aus dem Alltag, Film oder Fernsehen kennt – also, beispielsweise den Dienst im Streifenwagen oder Ermittlungsarbeit für die Kriminalpolizei. Welche Arbeitsbereiche im Höheren Dienst sehen Sie für sich persönlich, nach Abschluss der Einführungsphase, als besonders reizvolle Tätigkeiten?

Ruth: Mittelfristig reizt mich die Abteilungsführung einer Hundertschaft besonders. Diese Position kombiniert das, was ich am Polizeiberuf liebe: operative Gestaltung, direkte Verantwortung und unmittelbare Führung. Das ist für mich die ideale Balance zwischen strategischem Denken und praktischem Handeln im Einsatz.

Marc: Alle Bereiche und Tätigkeiten innerhalb der Polizei sind wichtig, interessant und ähneln sich im höheren Dienst auch ein Stück weit, sodass ich heute noch keine Aussage treffen kann, welche konkrete Stelle ich einmal ausfüllen möchte. Dass ich in meiner tatsächlichen Tätigkeit nach der aktuellen Einführungsphase noch im Streifenwagen sitze oder eine Durchsuchung unterstütze, wird (leider) eher die Ausnahme sein. Aber ich werde mich strategisch, organisatorisch und planerisch einbringen, die Kolleginnen und Kollegen unterstützen und in meinem Bereich die Polizeiarbeit voranbringen können. Aktuell kann ich mir gut vorstellen irgendwann in meiner Heimat eine Inspektion und damit auch größere Einsätze zu leiten, aber eben auch für die Menschen und vor allem auch für die Kolleginnen und Kollegen da zu sein. Ich hoffe auf jeden Fall, in meiner späteren Tätigkeit auch bei operativen Einsätzen teilhaben zu können, wenn auch eher in der Koordinierung und Führung.

Julia: Da ich noch recht am Anfang meiner Einführungsphase stehe, kann ich die Gesamtheit der Möglichkeiten noch nicht überblicken. Ich lerne aber im Moment durchschnittlich im Wochentakt einen neuen Arbeitsbereich kennen und sehr reizvoll ist für mich das Einsatzgeschehen am Puls der Zeit. Ich durfte zum Beispiel bereits in der ein oder anderen BAO mitwirken: Sich als Team in zunächst hektischen Einsatzlagen zurechtzufinden, den Überblick zu bewahren und das tagesaktuelle Geschehen in geordnete Bahnen zu lenken, ist gleichermaßen spannend und herausfordernd.

Was bedeutet es Ihnen persönlich, bald Führungsverantwortung bei der Polizei NRW zu tragen?

Ruth: Führung und Verantwortung sind Schlüsselwörter, die zusammen ein großes Privileg beschreiben: dass mir nach der Einführungsphase die Leitung von Kolleginnen und Kollegen anvertraut wird. Auf diese kommenden Aufgaben schaue ich mit Spannung – aber auch mit einer Portion Demut.

Diese Verantwortung für Menschen beeindruckt mich sehr. Sie erfordert nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch die Bereitschaft, sie so zu führen, dass sie sich gehört und unterstützt fühlen. Das ist für mich eine der erfüllendsten Perspektiven bei der Polizei NRW.

Marc: Heute habe ich noch eine recht abstrakte Vorstellung davon, wie es tatsächlich sein wird und es ist auch ein gewisser Respekt vor den Aufgaben da. Aber ich freue mich darauf, Verantwortung für die Menschen in- und außerhalb der Polizei übernehmen zu dürfen. Man steht bei der Polizei auf der „richtigen“ Seite und muss sich und seine Aufgabe nicht dahingehend hinterfragen, ob man zum Beispiel fragwürdige oder hoffnungslose Fälle vertritt. Zusätzlich bietet in meinen Augen kaum ein anderer Beruf diese Aufgabenvielfalt, die die Polizei zu bieten hat. Dabei reizt es mich auch, dass für manche Entscheidungen nur wenig Zeit zur Verfügung steht. Aber gerade das macht den Beruf interessant und anders im Vergleich zu vielen anderen juristischen Berufen, wo man lange an ausführlichen Schriftsätzen oder Urteilen sitzt. 

Julia: Ich bin dankbar und stolz, in Zukunft mit dieser Aufgabe betraut zu werden. Natürlich habe ich auch Respekt vor der Verantwortung, die mit einer solchen Position einhergeht. Trotzdem blicke ich mit Neugier und Vorfreude auf all das, was auf mich oder uns zukommen wird. Ich bin überzeugt davon, dass ich persönlich an den Erfahrungen und Herausforderungen wachsen werde und hoffe, dass ich die Menschen in meinem (Arbeits-)umfeld mit meiner Begeisterung anstecken und motivieren kann. 

Viele wissen gar nicht, wie breit die Aufgabengelder für Juristinnen und Juristen bei der Polizei sind. Was hat Sie an diesen vielfältigen Möglichkeiten besonders überzeugt? 

Ruth: Die Polizei bietet einen unglaublichen Wert durch ihre Vielfalt an Aufgabenfeldern. Was mich besonders überzeugt hat: Ich kann mich kontinuierlich weiterentwickeln, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen – zwischen Karriere und Interessenschwerpunkten.

Ständig eröffnen sich neue, spannende Tätigkeitsbereiche. Als Juristin bei der Polizei hört man niemals auf zu lernen. Das ist für mich ein enormer Mehrwert: Ich bleibe fachlich aktuell, kann meine Schwerpunkte verschieben und wachse mit meinen Aufgaben – alles innerhalb einer Organisation.

Marc: Vor allem, dass jeden Tag die Möglichkeit besteht, dass der Tag ganz anders kommt, als man beim morgendlichen Kaffee noch dachte. Die Polizeiarbeit ist nun mal vielfach von dem bestimmt, was passiert. Während die klassischen juristischen Berufe nur behutsamen und langwierigen Veränderungen unterliegen, entwickelt sich die Polizeiarbeit. Das BGB gibt es seit 1900, und auch wenn heute Schriftsätze nicht mehr gefaxt werden, so ist vieles in den juristischen Bereichen sehr ähnlich geblieben. Bei der Polizei entwickeln sich die meisten Dinge doch etwas dynamischer. Und ungeachtet dessen, dass die juristische Ausbildung der Zugang für den Direkteinstieg in den höheren Dienst ist, so bin ich jetzt vor allem Polizist. Die Polizei deckt unglaublich viele Aufgabenbereiche ab, wie z.B. den Bereich Verkehr mit Autobahnpolizei und Verkehrserziehung, den Bereich Kriminalität mit Spurensicherung und Ermittlungsarbeit in unterschiedlichen Phänomenbereichen, den Bereich Einsatz mit Streifendienst und Hundertschaft oder auch den Bereich der Aus- und Fortbildung, Ausrüstung, Organisation oder das Ministerium als Verbindung zum politischen Betrieb. In all diesen Bereichen, die sehr unterschiedliche Themen und Aufgaben mit sich bringen, kann man als Polizist tätig werden und ist auch nicht auf einen Bereich festgelegt, sondern kann sich nach einigen Jahren weiterentwickeln und umorientieren. Diese Vielfalt bei einem Arbeitgeber ist – ganz unabhängig vom Direkteinstieg in den höheren Dienst– einzigartig.

Julia: Genau das: Die Vielfältigkeit. Mich interessieren viele verschiedene Bereiche und Tätigkeiten und sich bereits jetzt auf eins festzulegen, bevor ich einiges Weitere kennengelernt habe, würde mir schwerfallen. Manchmal denke ich: Die ca. 30 Jahre Berufsleben, die (hoffentlich) noch vor mir liegen, reichen gar nicht aus, um all das auszuprobieren, was sich mir hier an interessanten Möglichkeiten bietet.

In der freien Wirtschaft und in Kanzleien gelten Stellen für Juristinnen und Juristen oft als besonders lukrativ. Welche Rolle hat die finanzielle Seite für Sie bei der Entscheidung gespielt, zur Polizei NRW zu gehen?

Ruth: Die Aussicht auf ein mögliches – aber auch nicht zwingend – höheres Gehalt in der freien Wirtschaft und in Kanzleien ist sicherlich attraktiv, aber nicht für jede Juristin und jeden Juristen entscheidend. Die Landespolizei NRW bietet Vorteile, die oft nicht direkt gesehen werden.

Das Beamtenverhältnis bietet mir Sicherheit und Stabilität. Hinzu kommt die Freie Heilfürsorge – eine umfassende Versicherung, die in der privaten Wirtschaft nicht selbstverständlich ist. Für mich wiegt diese Gesamtperspektive – Sicherheit, Versicherung, Vereinbarkeit – das möglicherweise höhere Gehalt anderswo deutlich auf.

Marc: Wenn man sich an Spitzengehältern in der Wirtschaft orientiert, kann der öffentliche Dienst bekanntermaßen nicht mithalten. Aber ein Einstiegsgehalt von mindestens 3.900€ netto ist meiner Erfahrung nach guter Durchschnitt unter Juristinnen und Juristen. Hinzu kommen die Vorteile der Krankenversicherung durch das Land (freie Heilfürsorge) und die Absicherung im Alter in Form der Pension. Während Anwältinnen und Anwälte für das Alter vorsorgen müssen und Richterinnen und Richter ihre Krankenversicherung anteilig bezahlen, hat man als Polizistin oder Polizist in dieser Hinsicht keine Sorgen. Auch muss man bei der Polizei keine Umsätze generieren, sondern die Sache und gute Arbeit stehen im Vordergrund. Da die Arbeit dem Land und damit den Menschen dient, kann ich mir keinen besseren Beruf vorstellen. 

Julia: Ganz ehrlich: Gar keine. Das A13-Gehalt von Beginn an ist sehr attraktiv, wenn man überlegt, was der Jurist im Durchschnitt nach zwei Staatsexamina als Berufseinsteiger verdient. Ich habe den Direkteinstieg allerdings nicht im ersten Anlauf geschafft (nach VT2 aus dem Verfahren ausgeschieden). Beim zweiten Mal bin ich im Bewerbungsverfahren auf „Nummer sicher“ gegangen:

Ich habe mich direkt nach Erhalt der Nachricht über das Ausscheiden aus dem Bewerbungsprozesses Ende Oktober 2023 für das duale Studium im gehoben Polizeivollzugsdienst beworben und das gesamte Verfahren durchlaufen. Am 1. September 2024 habe ich meine Urkunde als Kommissaranwärterin in Dortmund erhalten und war endlich Teil der Polizei NRW. Parallel zu meinem ersten Studienjahr in meinem HSPV-Kurs in Dortmund und im LAFP Schloss-Holte/Stukenbrock habe ich das Verfahren zum Höheren Dienst durchlaufen. 

Beim zweiten Mal hat es dann geklappt: Kurz nach der Einkleidung im PBC Lünen stand ich in meiner neuen Uniform als Kommissaranwärterin an einem Trainingstag im LAFP neben der Schießbahn und erhielt den Anruf aus dem Innenministerium NRW: Ich sollte eine von drei Direkteinsteiger-Stellen erhalten. 

Meinem Kurs, der das gesamte Verfahren mitbegleitet hat, habe ich das Ergebnis direkt mitgeteilt. Alle haben gejubelt. Am 31. März 2025 bin ich dann aus dem Kurs ausgeschieden und am 1. April wurde ich zur Polizeirätin ernannt. 

Das war alles sehr rasant, aber ich bin wirklich unglaublich dankbar für die Zeit als Kommissaranwärterin. Diese Perspektive ist so wertvoll für alles Weitere, was danach auf mich zugekommen ist  und noch zukommen wird. 

Viel wichtiger als die finanzielle Seite war und ist mir, dass ich nach all den langen Jahren des Lernens jeden Tag gerne zur Arbeit gehe. 

Viele Arbeitsbereiche von Volljuristinnen und -juristen finden primär am Schreibtisch statt. Sie haben jetzt einen anderen Weg eingeschlagen. Warum und was schätzen Sie daran?

Ruth: Der Schreibtisch wird sicherlich ein treuer Begleiter bleiben – aber eben nicht der einzige. Was mich bei der Polizei reizt: die Vielfalt! Ich kann durch verschiedene Positionen an unterschiedlichsten Aufgaben mitwirken, immer im direkten Austausch mit Kolleginnen und Kollegen im Team.

Das ist für mich ein entscheidender Unterschied zu klassischen juristischen Tätigkeiten. Ich bin nicht isoliert am Schreibtisch, sondern arbeite praktisch und unmittelbar mit Menschen zusammen – sei es bei Einsätzen, in Ermittlungen oder in Führungsfunktionen. Diese Kombination aus fachlicher Arbeit und menschlichem Kontakt macht den Polizeiberuf für mich erfüllend.

Marc: Ich möchte das Richtige machen. Ich glaube, das kann man nirgends so gut wie bei der Polizei. Es gibt in meinen Augen nichts Relevanteres, als die Abwehr von Gefahren und die Verfolgung von Straftaten. Die Straftaten müssen natürlich durch die Staatsanwaltschaft und Gerichte weiterverfolgt werden, aber bei der Polizei ist man noch nah dran und am Anfang des Geschehens beteiligt. Man erlebt die Realität und bearbeitet nicht nur Akten. Vor allem aber arbeitet man nie alleine, sondern immer im Team. Entscheidungen, die man trifft, haben auch umgehend Auswirkungen, denn man wartet nicht auf ein Urteil oder eine mehrseitige Erwiderung, sondern sieht an der Reaktion der Kolleginnen und Kollegen oder dem Verlauf des Einsatzes das Ergebnis. Dieser direkte Effekt der Arbeit und die Praxisnähe machen den Beruf in meinen Augen einzigartig.

Julia: Ich habe genau aus diesem Grund diesen Weg eingeschlagen, damit ich nicht wie der klassische Jurist meinen Arbeitsalltag (nur) am Schreibtisch verbringe. Natürlich wird auch Schreibtischarbeit auf mich zukommen. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass es in Deutschland keine Position gibt (schon gar nicht in einer Behörde), in der Juristinnen und Juristen  so praxis- und einsatznah arbeiten können und dürfen. Wir sind durch den Direkteinstieg in die Polizei NRW eben auch PolizeiVOLLZUGSbeamte wie all die anderen Kolleginnen und Kollegen auch und haben – wenn auch in einer kürzeren Zeit – all die polizeilichen Trainingsinhalte durchlaufen, die Berechtigungen erworben sowie Erfahrungen in der Praxis gesammelt, um als Ermittlungspersonen der Staatsanwaltschaft mit Exekutivbefugnissen im Ernstfall einschreiten zu dürfen. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass die Kolleginnen und Kollegen, die das duale Studium zur LG 2.1 durchlaufen haben und seit jeher im Polizeiberuf arbeiten, einen viel größeren Erfahrungsschatz an polizeipraktischem Wissen aufweisen, von dem wir nur profitieren können. 

Was würden Sie Interessierten sagen, die noch mit sich hadern und sich nicht sicher sind, ob der Weg zur Polizei NRW als Volljuristin/als Volljurist, das Richtige sein könnte? 

Ruth: An alle, die noch unschlüssig sind, sage ich: Wenn ihr etwas sucht, was mehr Berufung als Beruf ist; wenn ihr sinnvolle Arbeit mit Herz und Verstand leisten wollt, dann seid ihr hier richtig. Bei der Polizei NRW könnt ihr für das Land und seine Menschen im Team arbeiten und aktiv mitgestalten. Ihr werdet nicht nur juristische Aufgaben erfüllen, sondern echte Verantwortung tragen und einen Unterschied machen.

Das ist meine Erfahrung nach wenigen Monaten in der Einführungsphase – und ich bin überzeugt, dass dieser Weg für engagierte Juristinnen und Juristen genau das ist, was sie suchen.

Marc: Der Beruf ist vergleichsweise unjuristisch, auch wenn Recht und Gesetz, der Umgang damit und deren Anwendung alltägliche Aufgaben sind. Wer jedoch einen Beruf sucht, der sinnstiftend und eine Berufung sein kann, wo man auch zu körperlicher Fitness angehalten wird und hin und wieder mehr Action hat als bei der neuesten Gesetzesänderung, ist bei der Polizei NRW richtig. Nicht nur, dass man sich außerhalb der Kriminalpolizei morgens keine Fragen mehr hinsichtlich der Kleiderwahl stellen muss, weil die Uniform keine Fragen aufkommen lässt, sondern man hat auch einen sehr vielfältigen Job. Gleichzeitig sollte man sich mit den Aufgaben und der Polizei auseinandersetzen. Es sind Aufgaben, die sehr spannend und vielfältig sind, aber eben auch anders als der übliche Beruf eines Juristen. Das muss man wollen, aber man lernt den Beruf meiner Erfahrung nach schneller lieben, als ich erwartet habe. Zusätzlich ist mir kein Beruf für Volljuristinnen und Volljuristen bekannt, in dem man in zweieinhalb Jahren intensiv auf die erste Tätigkeit vorbereitet wird, bevor man tatsächlich Führungskraft wird.

Julia: Nachfragen, persönlich mit uns sprechen oder versuchen, ein Praktikum oder eine Station während des Referendariats bei der Polizei zu verbringen. Am besten erhält man eine Vorstellung von diesem Beruf, wenn man ihn in seiner Vielfalt „miterlebt“.